Frauen in 3 Akten

Ausstellung: 4. Mai − 16. Juni 2018

25.04.2018
Lilla Szász, Sunbathers, 1998, B&W photograph, Courtesy of the artist and Inda Gallery, Budapest
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Lilla Szász, Comrades, 2010, Colour photograph, Courtesy of the artist and Inda Gallery, Budapest
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Paz Errázuriz, Adam’s Apple, 1982-1987, B&W photograph, Courtesy of the artist
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Katarina Šoškić, Home No Home, 2016, Colour photograph, Courtesy of the artist
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Frauen in 3 Akten
Paz Errázuriz, Gluklya, Ditte Lyngkær Pedersen, Maya Schweizer, Katarina Šoškić, Lilla Szász
kuratiert von Kati Simon


Eröffnung: 3. Mai, 19:00
zur Eröffnung spricht: Kati Simon
Ausstellungsdauer: 4. Mai − 16. Juni 2018

FOTOHOF / Inge-Morath-Platz 1-3 / 5020 Salzburg / Austria


Eines Nachts träumte Lilla Szász davon, dass sie eine Kamera hat. Sie hatte bis dahin noch nie eine Kamera berührt. Bald darauf legte ihr Vater eine alte professionelle Kamera auf ihren Schreibtisch. Von diesem Moment an war Fotografie für sie ein Mittel, die Komplexität menschlicher Beziehungen zu erforschen und auszudrücken. In einer Welt, die von Globalisierung und Migration geprägt ist und immer noch weitgehend von Männern dominiert wird, wo der Kampf um Macht und Einfluss zunehmend sozial benachteiligte Gemeinschaften diskriminiert, beschäftigt sich Lilla Szász mit Randgruppen von Menschen, die in geschlossenen, speziellen Gemeinschaften leben. Sie konzentriert sich auf Geschichten über menschliche Verwundbarkeit und setzt sich mit Fragen über Zugehörigkeit, Geschlecht und Identität auseinander. Sie sucht nach sehr persönlichen und zugleich universellen Geschichten, um die sozio-politischen Widersprüche in der heutigen Gesellschaft aufzudecken. Mit Bezug auf Lilla Szász' tiefe Inspiration durch Literatur und Film und mit Werken von Künstler_innen verschiedener Genres wollen die drei Akte der Ausstellung einen Dialog zwischen sensiblen Beobachtern intimer Lebensgeschichten schaffen. Diese fiktiven Gespräche bringen unterschiedliche Herangehensweisen und Erzählweisen in Übereinstimmung und lassen weibliche Sichtweisen und soziales Interesse in größeren internationalen Kontexten widerhallen.

Akt 1 "Ich betrachtete den leeren Koffer. Auf dem Boden Karl Marx. Im Deckel Brodsky. Und dazwischen ein verpatztes, wertloses, einziges Leben." (Sergej Dowlatow: Der Koffer)

Im ersten Akt geht Lilla Szász auf eine lange Reise, auf die Suche nach sehr persönlichen, menschlichen Geschichten aus verschiedenen Realitäten. Inspiriert von ihren Studien der russischen Sprache und Literatur reist sie zuerst nach Sankt Petersburg, um ihren Blick auf Sunbathers [Sonnenbadende] (1998) zu richten, jene eigenartige Gruppe von Bewohnern der Stadt, die ihre Tage draußen am Wasser verbringen, an der Mauer der Peter-Paul Festung. Hier marschiert eine Gruppe von Kadetten der Marineakademie in Gluklyas The Triumph of Fragility [Triumph der Zerbrechlichkeit] (2002), die zarte weiße Kleider vor sich tragen, als wären diese etwas Zerbrechliches, das "die Essenz des Lebens selbst ausmacht". Die jungen Marinesoldaten erfüllen die Aufgabe mit einem Gefühl aufrichtiger Beteiligung und Liebe. Mit ehrlicher Hingabe und Verpflichtung dienten die heute in Brighton Beach, New York lebenden russisch-jüdischen Veteranen ihrem Land, deren Leben Lilla Szász in Comrades [Kameraden] (2010) dokumentierte. Der Blick der Fotografin richtet sich auf die Verletzlichkeit dieser Menschen, die immer noch ihren Platz in der Gesellschaft suchen und dazugehören möchten. "Wenn man weit weg von zu Hause ist, fühlt man sich vorübergehend zu Hause", sagt Katarina Šoškić, die sich mit dem Gefühl sich irgendwo einzuleben und dem Rhythmus des Umzugs beschäftigt. Für Home No Home (2016) hat sie alle Orte ihres temporären Aufenthalts während der 8 Jahre, die sie in Wien lebte, besucht und fotografiert.

Akt 2 "Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise." (Lew Tolstoi: Anna Karenina)

Zwischen 1982 und 1987 widmete sich Paz Errázuriz viel Zeit einer Gruppe von Männern, die sich in verschiedenen Bordellen in Santiago und Talca als Transvestit kleideten und sich prostituierten. Die Bilder wurden im Fotobuch Adam's Apple [Adamsapfel] veröffentlicht, einer Sammlung von Schwarz-Weiß-Fotografien, Texten und Interviews mit Mitgliedern einer großen unorthodoxen Familie, die Formen und Normen sprengten und durch AIDS, wirtschaftliche Unsicherheit und polizeiliche Verfolgung dezimiert wurden. Für viele, die den größten Teil ihres Lebens in einem Waisenhaus verbracht haben, führt ein gerader Weg zur Prostitution.
          
Lilla Szász schloss Freundschaft mit drei Prostituierten, die in einer sehr komplizierten Beziehung in einer kleinen Wohnung in Budapest lebten. Dies war der Schauplatz von Mutter Michael Goes To Heaven [Mutter Michael kommt in den Himmel] (2008-2010), der Ort, an dem sie ihre Klienten empfingen, wo sich die beiden Jungen dieser irregulären Familie trafen und wo Michael Selbstmord beging. In einer anderen Budapester Wohnung lebt Mendi (2013), die ehemalige Pornodarstellerin, in einer verzwickten Beziehung mit ihrer Mutter und dem Sohn ihrer Schwester, einem autistischen Jungen, den sie wie ihren eigenen Sohn liebt. Für diese Serie fand Lilla Szász viel Inspiration in Grey Gardens. Dieser Dokumentarfilm von Albert und David Maysles aus 1976 ist ein intimes Porträt einer Mutter und einer Tochter, Big und Little Edie Beale, Tante und Cousine von Jackie Onassis. Die beiden leben in ihrer eigenen Welt und es gelingt ihnen inmitten des Verfalls und der Unordnung ihrer Villa mit 28 Zimmern in East Hampton, miteinander klar zu kommen.

Akt 3 "... in meinen Ohren brummt und knistert der tamtamtamtata Rhythmus des Walzers ..." (György Dragomán: Walzer)

Auf die Frage, ob sie Freunde im Altersheim habe, antwortet Maya Schweizers Großmutter in einem manchmal sehr luziden, und manchmal sehr verträumten Monolog, wie sie sich in ihrem neuen Zuhause fühlt. Das Video Manou, La Seyne sur Mer, 2011 (2012) zeigt eine fragmentarische Rekonstruktion eines Gedankenflusses, der nicht zum Abschluss kommt. Manou lebt in einem Altersheim für alte jüdische Frauen, genau wie die Frauen in Lilla Szász' Golden Age [Goldene Zeit] (2004). An ihren Leben ist sie besonders an der Frage interessiert, wie sie statt des alten ein neues Zuhause schaffen und wie sie dort mit ihren Erinnerungen und Souvenirs leben, wo jedes Objekt seine eigene Geschichte hat und jedes Foto an der Wand ein ganzes Leben verbirgt. Eine alte Fotografie aus dem Fotoalbum einer 80-jährigen Frau in Tokio war der Ausgangspunkt für Ditte Lyngkær Pedersens Laughter (2014). Das Projekt untersucht die ungeklärte Geschichte des Bildes. In den Jahren des Briefwechsels mit Yoshiko Okuzawa hat die Künstlerin das Foto mit verschiedenen Gruppen, zu denen sie selbst gehört, in der ganzen Welt nachgespielt. Als Lilla Szász in die Wohnung der ehemaligen Frau Braun einzog, begann sie eine außergewöhnliche, vertraute Korrespondenz und Kommunikation mit der verstorbenen alten Dame. Die Bilder der Gegenstände und die Worte aus ihren Tagebüchern zeigen, wie sie sich besser kennen lernten und wie dieser besondere Dialog der Künstlerin dabei half, ein neues Leben und ein Happy New Year [Glückliches Neues Jahr] (2013-2014) zu beginnen.


Eine Kooperation mit:

Inda Gallery
Fotogalleriet