Elina Brotherus − Die Rolle des Modells

Ausstellung: 25. November 2016 – 21. Jänner 2017

17.11.2016
Elina Brotherus - Salle à manger. aus der Serie: Les femmes de la maison carré (2015) Pigment Ink Print, 70 x 104 cm / 90 x 135 cm Courtesy of the artist and gb agency, Paris
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Elina Brotherus - Forest road. 2010 aus der Serie: The artist and her model (2005 - 2011) Pigment Ink Print, 80 x 53 cm Courtesy of the artist and gb agency, Paris
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Elina Brotherus - Der Wanderer 2, 2004. aus der Serie: The New Painting Chromogenic color print, 80x63 cm Courtesy of the artist and gb agency, Paris
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Elina Brotherus - Black Bay Sequence, 2010. Video, 1:00:12h
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Elina Brotherus - Marcello's Theme, 2014. aus der Serie: Carpe Fucking Diem (2011 - 2015) Pigment Ink Print, 90 × 135 cm Courtesy of the artist and gb agency, Paris
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Eröffnung: 24. November 2016, 19:30
zur Eröffnung spricht: Gilles Mora
Ausstellung: 25. November 2016 – 21. Jänner 2017
Galerie geschlossen: 24. 12- 7.1.


Ich bin eine Künstlerin, was mir im Gegensatz zu „richtigen Erwachsenen“ erlaubt, verrückte Sachen zu tun. Je älter ich werde, desto mehr neige ich dem Spiel zu. Die Dinge die mich im Moment am meisten interessieren passieren mir mit einer gewissen Leichtigkeit und Humor, obwohl meine Arbeit ebenso eine ernste Seite hat. Die grundlegende Voraussetzung für ein solches Spiel ist : bestimme die verrückten Regeln selbst und lasse Dich dann einfach auf sie ein
Elina Brotherus, 2016
 
Die von Gilles Mora für den Pavillon Populaire in Montpellier kuratierte Retrospektive aus 20 Jahren zeigt nun auch zum ersten Mal das fotografische und filmische Werk der finnischen Künstlerin Elina Brotherus in Österreich.
 
Im FOTOHOF konzentriert sich die Ausstellung, die im Anschluss noch im Turku Museum of Art zu sehen sein wird, vor allem auf die Rolle des Modells im Werk der Künstlerin. Schon 1840 hatte das rätselhafte Selbstbildnis des (Mit-)Erfinders der Fotografie, Hippolyte Bayard, eine allgemeine Verwunderung ausgelöst. Seine Inszenierung als Ertrunkener sollte nicht nur seinen Schmerz über die vermeintlich zu geringe Beachtung für seine bahnbrechende Leistung ausdrücken, sondern zeigt hier zum ersten Mal die Möglichkeit der Verschränkung von Fotograf und Modell in einer Person auf.
 
Dieses Wechselspiel wird bei Brotherus zum Hauptthema (neben ihrer Beschäftigung mit Landschaft) und drückt sich bereits zu Beginn ihres Schaffens in psychologisierenden Selbstdarstellungen aus.
 
Wie zuvor bei Claude Cahun oder etwa auch bei Cindy Sherman ist Selbstinszenierung hier nicht nur Teil einer Reflexion über das eigene Ich zwischen Katharsis und Spiel, sondern auch ganz allgemein als Referenz auf die Bildende Kunst zu verstehen.
 
Die kontinuierliche Arbeit am Bild und der autonome Auftritt im Bild verschafft der Künstlerin die Freiheit, in einer Art Soliloquien, ihre intimen Momente dem Betrachter, wenn auch verschlüsselt, anzuvertrauen und ihn als Verbündeten auf ihren Wanderungen und Reisen durch die Welt teilhaben zu lassen. 
 
In gut 25 tafelartigen (und oft großformatigen) Bildwerken zeigt die Ausstellung im FOTOHOF einen Überblick aus 20 Jahren ihres künstlerischen Schaffens. Von den frühen Serien Das Mädchen sprach von Liebe und Self-Portraits (1998) schlägt sie einen Bogen zu Model Studies (2002-2008) und The new Painting (2003), von Artist and her Model (2005-2011) bis zu Annonciation (2009-2013) und Carpe Fucking Diem (2011-2015). Vervollständigt wird die Werkschau durch die Serie Les femmes de la Maison Carré (2015) und durch eine Auswahl ihrer Film- und Videoarbeiten aus jüngster Zeit.
 
Schon früh zeigt sich in ihrer 1998 entstandenen Arbeit Divorce ihr Interesse am theatralischen Rollenspiel, wenn sie etwa in das Brautkleid der  jung verstorbenen Mutter schlüpft, um sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck, quasi alleingelassen im urbanen Raum der düster wirkenden Stadt Helsinki, selbst porträtiert. 
 
In ihrer Serie The new painting spürt sie der romantischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhundert nach und verortet sich durch ihre Auftritte im Bild in deutlicher Referenz etwa zu Caspar David Friedrich (Der Wanderer 2, 2004). 
 
In Annonciation und Carpe Fucking Diem setzt sie sich mit ihrem (späten) Wunsch nach einem Kind auseinander und zeigt in geradezu selbstquälenden Bildern das Scheitern einer medizinischen Fertilisationstherapie. Heiter beschwingt tritt alsbald Marcello, ein pfiffiger Dackel, mit ihr im Bild auf und wird von nun an als neues Familienmitglied zum Wegbegleiter (Marcello's theme, 2014). 
 
Der Bezug auf die Kunst ist ein immer wiederkehrendes Thema im Werk der Künstlerin. In Les femmes de la Maison Carré steht ein berühmtes Haus in der Nähe von Paris, 1959 vom finnischen Architekten Alvar Aalto entworfen, im Fokus ihrer Arbeit. In präzisen Selbstinszenierungen von verschiedenen Frauen beschwört sie die (Lebens-)Geschichte des ehemaligen Auftraggebers und Bewohners des Hauses, Louis Carré, einem der bedeutendsten Kunsthändler seiner Zeit. Durch ihre subtile Lichtführung im Innen-und Außenraum gelingt es ihr dem bereits in die Jahre gekommenen Juwel wieder Leben einzuhauchen.
 
In der Ausstellung sind mehrere filmische Arbeiten von Brotherus zu sehen. Seit 2010 beschäftigt sie sich mit Video und Analogfilm; Ausgangspunkt ihrer filmischen Arbeit ist die einstündige Videoarbeit The Black Bay Sequence, die die Protagonistin beim mehrmaligen Hineinschreiten in einen von der Kamera fixierten Ausschnitt auf eine nordische Seenlandschaft zeigt. Bekleidet oder nackt versinkt sie im stimmungsvollen Panoramabild des Sees, der im weiten Horizont nur durch eine eine dünne schwarze Linie vom gegenüberliegenden Ufer getrennt ist, um sich dann wieder zurück zum Ausgangspunkt zu bewegen.
 
Ihre zwischen 2012 und 2015 in New York gedrehte 16mm Filmtrilogie besteht aus den performativen Experimentalerken  Francesca Woodman´s aunts (2012), Wrong Face (2013) und Howl (2015). Im Woodman Film gedenkt sie der ihr nahestehende Arbeit der amerikanischen Fotografin. In Wrong Face performen zwei „Alice´s“ , hier tritt sie mit der finnisch-amerikanischen Künstlerin Viktoria Schultz auf, in Anlehnung an „Alice in Wonderland". Den Abschluss der Trilogie bildet die geradezu groteske Interpretation  des literarischen Werkes Howl von Allen Ginsberg, dem Schlüsselwerk der amerikanischen Beat Generation. Tango Trousers (2015)  schließlich verschränkt 8 kurze Filmclips über die Entstehung ihrer Bildwelten mit der Musik der finnischen Komponistin Maria Kalaniemi.
Hier wird das Vorher und Nachher der entstandenen Fotografien im kontinuierlichen Filmablauf veranschaulicht und somit auch die Frage nach dem Verhältnis von Einzelbild und Bewegbild thematisiert.
 
 
Elina Brotherus, *1972 in Helsinki, Finnland; lebt und arbeitet in Helsinki.